Die Haubenschule

von Uwe Reuters

 

Uwe Reuters

Erinnert sich noch jemand an die ehemalige städtische Realschule in der Lütticher Straße, Hausnummer 139?

 

Das Besondere an diesem Schulgebäude ist wohl die einzigartige Bauweise und Architektur, die einen optisch sehr interessanten und außergewöhnlichen Eindruck hinterlässt. Erbaut wurde das heute denkmalgeschützte Gebäude um 1905. Im äußeren Eingangsbereich scheint eine große Säule für die nötige Stabilität zu sorgen.

 

Das Dach zieht sich wie eine große schwarze Haube über mehrere Etagen. Aus Richtung Hangeweiher kommend, war das Gebäude schon von weitem zu erkennen. Wie ein großes Tarnnetz wirkt die mächtige, große schwarze Dachhaube bedrohlich ins Tal.

 

In den 50er und 60er Jahren war in dem Gebäude das Waldschulheim Breuer untergebracht, eine Art Privatschule zum Erlangen der Mittleren Reife. Vermutete man, schlauer zu sein, und hatten die Eltern mehr Geld, bot sich der Besuch des Waldschulheims am Brüsseler Ring an, dort konnte ein anerkannter Abiturabschluss erlangt werden. Auch dieses Gebäude mit seiner villenartigen Bauweise steht heute noch, wird aber anders genutzt.

 

Die Schule an der Lütticher Straße habe ich von 1970 bis 1976 besucht. Jeder Jahrgang war nur einzügig, denn mehr Platz gab die Haubenschule nicht her.

 

Als Fünftklässler stand man natürlich in der Rangfolge erst mal ganz unten. So wurde man während der Pause vor dem Fenster des Hausmeisters, der den Pausenkakao oder die Pausenmilch verteilte, erst mal hin und her geschubst. Auch das Parken des Fahrrades vor dem morgendlichen Schulbeginn in der großzügigen Garage war nicht sehr von Erfolg gekrönt. Hier herrschte eine strenge Hackordnung. Selbst der Platz auf dem Schulgelände, wo sich die Schüler einer Klasse zum letzten Quatschen und Gedankenaustausch versammeln konnten, unterlag einer strickten Einhaltung. Man musste sich als Fünftklässler schon im Laufe der Jahre hocharbeiten, und die Schüler der zehnten Klasse waren unerreichbare Götter mit allen möglichen Privilegien.

 

Das Lehrerkollegium war klein und überschaubar. Trotzdem erinnere ich mich heute nur noch an einige Lehrer namentlich. So zum Beispiel an unseren Geschichtslehrer Herrn Grünewald oder an die Französischlehrerin Frau Heyers. Der damalige Direktor, Herr Hunze, hatte alles fest im Griff.

 

Mein Klassenlehrer von Klasse 5 bis zum letzten Schuljahr war Herr Hochkirsch, der jeden Schulmorgen mit seinem immer frisch geputzten Opel aus Eschweiler anreiste. Ein Lehrer vom alten Schlag, sehr streng, aber genauso gerecht. Von ihm erhielt ich den Spitznamen „Uns Uwe“, bezogen auf den damals sehr beliebten Fußballnationalspieler Uwe Seeler.

 

In den ersten Jahren hat mich mein Vater jeden Morgen mit dem Auto von Burtscheid aus zur Schule gebracht. Später durfte ich mit dem Fahrrad zur Schule fahren.

 

Pünktlich um 7.55 Uhr klingelte die Schulglocke und die Schüler drängelten sich durch die große Eingangstür in das Schulgebäude. Im Parterrebereich lag das Direktorzimmer inkl. Sekretariat, dessen Tür zur besseren Kontrolle und Übersicht meistens offen stand. Hier konnte sich schon entscheiden, ob der Schultag gut oder schlecht wurde. Auf der anderen Seite lagen der Kunstraum und zwei weitere Klassenräume. War man erst mal die lange großzügige Holztreppe nach oben gegangen, befanden sich auf der ersten Etage das Lehrerzimmer, der Kartenraum, die Toiletten und drei weitere Klassenzimmer. Eine Etage höher folgten drei weitere kleinere Klassenräume und unter dem Dach war das Musikzimmer. Die Klassenzimmer hatten sehr hohe Decken, die zum Teil mit Stuck verziert waren.

 

Auf jeden Fall bestätigte der äußere Eindruck des Gebäudes, zusammen mit der inneren Aufteilung, dass es sich hierbei nicht um ein ordinäres Schulgebäude handelt. Alles wirkte mehr wie eine große Villa mit einem unglaublichen Blick über Aachen.

 

Als Schulhof fungierte zunächst eine geteerte Fläche hinter dem Gebäude, daran anschließend einen überschaubaren Garten mit einigen Obstbäumen und einem außer Betrieb gesetzten kleinen Schwimmbecken. Durch den Garten führte ein Weg zur Hohenstaufenallee, den ich während meiner Schulzeit hauptsächlich nutzte. Betrat man das Schulgelände durch diesen Hintereingang, führten von der Hohenstaufenallee erst ein paar Stufen hinauf auf einen schmalen Weg mit üppiger Fauna und hoher Bepflanzung mit reichlich dichtem Strauchbestand. Beim Durchgang deutete zunächst nichts auf einen Schulweg hin, bis plötzlich das komplette Schulgebäude wie eine majestätische Erscheinung respektgebietend im Blickwinkel erschien. Auch heute ist die Steintreppe zum Eingang noch erhalten, der Zugang wird jedoch durch ein Eisentor versperrt und die dahinter liegende großzügige Bepflanzung ist leider fast völlig entfernt worden.

 

Auf der anderen Seite der Hohenstaufenallee befand sich, an der Ecke Klemensstraße zur Schrebergartenkolonie und zum wunderschönen Kannegiesser Tal, ein großer Baum mit einer Bank, geschützt und zur Hälfte umrahmt von einer hohen Steinwand. Baum, Steinwand und Bank stehen heute noch da. Bei heutigen Spaziergängen durch mein altes Schulrevier sind das ehemalige Schulgebäude und der Baum fest gebuchte Anlaufstellen mit großem Erinnerungswert. Dort traf ich meine Klassenkameraden vor der Schule, um eventuell fehlende Hausaufgaben zu ergänzen oder zu vergleichen. Im Laufe der Jahre wurden dort auch die ersten Zigaretten geraucht, die Mädchen zeigten stolz ihre ersten Knutschflecke am Hals, die sie in der Schule mit einem Halstuch versteckten, oder erzählten von ihren ersten Liebschaften. Ich kann mich noch gut erinnern, dass hauptsächlich die Mädchen geraucht hatten. Na ja, die Mädchen waren uns Jungs damals schon weit in ihrer Zeit voraus. In den Schulpausen durften wir das Schulgelände nicht verlassen, lediglich in den Freistunden wagten wir den Weg zum Treffpunkt.

 

Da wir keinen eigenen Sportplatz oder Sporthalle hatten, fand unser Sportunterricht auf dem des benachbarten Fußballvereins VFB 08 am Hasselholzer Weg statt. Den Sportplatz erreichten wir bequem zu Fuß. Nach dem anstrengenden Sportunterricht haben wir uns dann auf dem kurzen Rückweg zur Schule im Lebensmittelgeschäft Lorenz an der Lütticher Straße mit Getränken und Süßigkeiten versorgt. Im Winter fand unser Sportunterricht in der Sporthalle im Preuswald statt. Dazu wurde eigens ein Bus angemietet, der uns schnell hin und her brachte.

 

Doch an unserer Schule gab es noch etwas Besonderes. Da das Schulgebäude im Hang gebaut war, befand sich im hinteren Bereich, sozusagen im Keller, ein großer hörsaalartiger Chemie- und Physiksaal.

 

Genau in diesem Saal erfolgte im Fach Biologie durch unseren über 2 Meter großen Lehrer Herrn Gnauck meine Sexualaufklärung. Kinder, war das damals mega-peinlich. Wir glaubten schon alles zu wissen und hörten dennoch mit hochroten Köpfen den Ausführungen zu, die Herr Gnauck noch durch diverse Tafelzeichnungen zum Thema Schwangerschaft und Verhütung ergänzte.

 

Zusammen mit meinem Banknachbarn und Schulfreund Peter Nobis bemalten wir unsere Schulatlanten oder sangen im Musikunterricht lauthals zum Lied „Im Frühtau zu Berge“ Textteile der damaligen Hitsongs von The Sweet oder Slade. Unser Lehrer Herr Iseler hat das nie gemerkt. Peter war damals großer Slade-Fan, aber ich fand The Sweet besser.

 

Eigentlich denke ich gerne zurück an die Zeit in der Schule an der Lütticher Straße.

 

Für mich war es schon etwas ganz Besonderes, diese Schule zu besuchen. Überhaupt zieht sich die Lütticher Straße wie ein roter Faden durch mein bisheriges Leben. Während meiner dortigen Schulzeit besuchte ich nach der Schule in der Lütticher Straße, Ecke Moreller Weg, das strenge Silentium von Frau Kotschock, spielte danach in einer Tischtennismannschaft im Couven-Gymnasium, führte Jahre später eine Bankzweigstelle in der Lütticher Strasse, wohnte zunächst im ehemaligen „Kriegerhäuschen“, Lütticher Straße Ecke, Hasselholzer Weg, und wohne bis heute in der Lütticher Straße hinter dem alten Preusweg.

 

Was ist eigentlich aus meinen damaligen Mitschülern geworden? Einige haben damals eine Lehre begonnen, andere haben wie ich weiterführende Schulen besucht. Unsere Wege haben sich aber bis heute nicht mehr gekreuzt.

 

Und was ist eigentlich aus meiner alten Schule geworden? Unsere Wege haben sich in der Vergangenheit öfter noch mal gekreuzt. Irgendwann in den achtziger Jahren ist meine Schule an der Lütticher Straße geschlossen worden. Doch das wunderschöne Gebäude blieb dem Straßenbild erhalten und wurde nach Umbauarbeiten in Eigentumswohnungen und eine Zahnarztpraxis umgewandelt. Dort wohnte dann eine Kundin von mir, die ich gerne zu Hause beraten habe, um mein altes Schulgebäude nochmals betreten zu können. Nur Patient des Zahnarztes bin ich nicht geworden, weil ich die schönen Erinnerungen an meine alte Schule nicht mit Schmerzen und Angst verbinden wollte.

 

Eigentlich erinnerte das alte Gemäuer damals nicht an meine alte Schule. Wäre damals nicht ein großes Messingschild mit dem Hinweis „Städtische Realschule Lütticher Straße“ am Eingangsbereich angebracht worden, hätte nur die auf dem Dach angebrachte große Pilzsirene auf ein öffentliches Gebäude hingewiesen.

 

Ein sonntäglicher Spaziergang durch die Lütticher Straße, beginnend am Judenfriedhof Ecke Habsburgerallee, bis hin zur Kreuzung Hohenstaufenallee lohnt sich auf jeden Fall. Auf beiden Straßenseiten warten interessante alte Gebäude auf ihre Entdeckung. Die villenartige Bebauung auf großzügigen Grundstücken auf beiden Straßenseiten lädt oft zum Verweilen und Betrachten ein. Ich bin sicher, dass meine alte Haubenschule mit der Hausnummer 139 bei dieser Entdeckungsreise so manchen Spaziergänger fesseln und in ihm den Drang verstärken wird, das Gebäude aus Neugier unbedingt betreten zu wollen. Kein Problem, der Zahnarzt im Haus freut sich bestimmt immer über neue Patienten...

 

 

[April 2007]

 

 

 

 

 

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